Ahe – ein “prekärer” Stadtteil im Rhein-Erft-Kreis – Und nun?

06. August 2021

In einem Schreiben an den Landrat des Rhein-Erft-Kreises, Herrn Frank Rock, habe ich konkret erste Konsequenzen aus dem Kreissozialbericht angeregt. Dieser Bericht ist im April 2021 der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Ahe ist einer von sechs “prekären” Stadtteilen der kreisangehörigen Kommunen des Rhein-Erft-Kreises. Die Feststellung ist gut, doch sie reicht nicht. Mit diesen Zeilen möchte ich Sie daran teilhaben lassen, was ich dem Landrat in einem Brief als Ortsbürgermeister von Ahe am 3. August 2021 vorgeschlagen habe:

Konsequenzen aus dem Kreissozialbericht

Ergänzung um kriminalstatistische Erkenntnisse auf Stadtteil-/Quartiersebene

Sehr geehrter Herr Rock,

bitte nehmen Sie den Kreissozialbericht Ihrer Behörde in die Hand und blättern darin, so auf Seite 54. Dort finden Sie Daten zum Bergheimer Stadtteil Ahe. Sie erfahren zum Beispiel, wie viele Kinder im Alter von 0 bis 15 Jahren von Hartz IV leben (2019: 46,9 Prozent), wie viele Menschen arbeitslos gemeldet sind (21,6 Prozent), wie viele Menschen keinen deutschen Pass besitzen (36,8 Prozent). Angesichts dieser Daten wird so mancher diesen Ort als „sozialen Brennpunkt“ bezeichnen. Diese Daten sind dreimal so hoch wie im bundesweiten Durchschnitt. Diese soziodemografischen Daten sind nicht neu, aber nachdem der Rhein-Erft-Kreis erstmals (!) 2021 einen „Kreissozialbericht“ veröffentlicht hat, steht das Thema auf der öffentlichen Agenda. Das ist gut so.

Als Ortsbürgermeister interessiert mich zudem das kriminalstatistische Geschehen, denn da, wo viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern, aus vielen kulturellen und sozialen Milieus und aus vielfältigen Lebenswirklichkeiten zusammentreffen, können auch (vermehrt!?) Konflikte auftauchen. Dies ist umso wahrscheinlicher, je bildungsferner Menschen sind. Aus Untersuchungen in Jugendgefängnissen zum Beispiel wissen wir, dass die meisten Insassen einen sehr geringen Bildungsstand haben. Diese Bildungsdaten fehlen komplett. Das halte ich für ergänzungsbedüftig, insbesondere für Stadtteile wie Ahe.

Damit ist aber auch schon eine Aufgabe klar umrissen, dieser sozialen Vielfalt konfliktreduzierend zu begegnen: Bildung, so früh wie möglich und so lang, wie gewünscht. Das setzt aber wiederum Bildungsangebote entlang der biographischen Lebenslinie voraus, die mit kompetenten und engagierten Fachkräften diesem Thema entgegenwirken können und wollen. Und eine Politik, die hier Schwerpunkte setzen will. Was sagt dazu Ihr Bildungsbüro, ihr Bildungsmonitoring? Welche Strategien werden verfolgt?

Wichtig ist zudem ein zielorientiertes strategisch angelegtes Miteinander der beteiligten Akteur*innen. Dazu gehört auch die Polizei. Im Zusammenhang mit der Kriminalstatistik ist zwar zu beachten, dass es ein objektives und ein subjektives Sicherheitsbedürfnis gibt. Je älter Menschen zum Beispiel werden, umso größer wird ihr subjektives Sicherheitsbedürfnis. Fakten spielen da nicht immer eine ordnende Rolle. Denn Ahe wird in vielen Köpfen gleichgesetzt mit einem Hort krimineller Energie, weil die soziodemografische Situation so ist wie sie ist. Das muss aber nicht so sein. Doch um diesem Denken entgegen zu wirken, braucht man Fakten.

Daraus sind aus meiner Sicht zwei Konsequenzen zu ziehen: eine klare faktenbasierte Situationsbeschreibung (wie lauten die kriminalstatistischen Erhebungen?) und ein verstärkt präventives Agieren aller gesellschaftlichen Akteur*innen.

Die Faktenlage liegt in Form von Kriminalstatistiken auf Stadtebene vor, nicht allerdings auf Stadtteil- oder Quartiersebene. Das muss sich ändern, insbesondere bezogen auf Stadtteile wie Ahe. Hier sind Sie, Herr Landrat, zuständig. Ich möchte Sie nachdrücklich bitten, aktiv zu werden. Politik und Verwaltungen haben schon zu lange zugeschaut, denn sonst wäre Ahe nicht so wie es heute ist.

Die Polizei in Bergheim hat mir erklärt, dass sie anlassbezogen tätig wird (jemand ruft an und meldet einen strafrechtlichen Sachverhalt), aber auch anlassunabhängig. So fährt die Bergheimer Polizei jeden Tag in Ahe zum Beispiel mindestens (!) dreimal Streife. Das Ziel ist, Präsenz zu zeigen. Dafür bin ich dankbar.

Ob Ahe „gefährlicher“ ist als andere Stadtteile kann nur ein Blick in das tatsächlich festgestellte kriminelle Geschehen begründen und natürlich ein Vergleich mit anderen Stadtquartieren. Hier wirkt erschwerend, dass es keine ortsspezifische kriminalstatistische Erhebung für Ahe gibt, die öffentlich zugänglich ist. Das halte ich auf dem Hintergrund der soziodemografischen Situation und aufgrund der Hinweise des Kreissozialberichts für dringend änderungsbedürftig. Man kann nur soziale Schieflagen verändern, wenn man faktenbasiertes Wissen hat. Der Kreissozialbericht ist um die kriminalstatistischen Daten daher dringend zu ergänzen. Ziel muss es sein, mit gezielten Maßnahmen einerseits sozialpolitisch und jugendpolitisch, aber auch kriminalpräventiv sowie bildungspolitisch agieren zu können.

Fakt ist, dass zum Beispiel 2020 keine Kapitalverbrechen wie Mord und Vergewaltigung in Ahe stattgefunden haben. Allerdings haben sich in Ahe Menschen selbst das Leben genommen (ohne dass dies groß zur Kenntnis genommen wurde). Die meisten Einsätze in Ahe, so die Bergheimer Polizei, verursachen Ruhestörungen und Streit, aber auch Bedrohungen, Beleidigungen oder Nötigungen, aber auch Körperverletzungen. Relativ viele Einsätze finden zudem statt, weil „verdächtige Wahrnehmungen“ gemeldet werden. Sicher: Auch in Ahe wird eingebrochen, werden Verkehrsunfälle gemeldet oder werden Personen vermisst. Doch das sind Phänomene, die überall vorkommen. Gleichwohl: die Vergleichbarkeit fehlt.

Ob damit Ahe zu einem Ort wird, der besonders „gefährlich“ ist, bleibt daher von einer subjektiven Betrachtung abhängig. Ich selbst habe keine Angst durch Ahe zu gehen – bisher auch noch zu jeder Tages- und Nachtzeit. Doch das mag mancher Mensch anders empfinden. Es braucht hier klare Einordnungen, insbesondere auf dem geschilderten soziodemografischen Hintergrund.

Dennoch sind die Probleme da und drängen. Sie wegzudiskutieren oder wegzulächeln, wäre fatal. Wir brauchen die Bereitschaft, die Situation klar zu beschreiben und faktenmäßig zu untermauern, um gegensteuern zu können. Wichtig bleibt, klare gemeinsame Regeln zu entwickeln, die auch von allen akzeptiert werden. Es braucht zudem eine Kommunikation, die möglichst viele tatsächlich erreicht, und es braucht einen Schulterschluss aller gesellschaftlichen Akteur*innen, die aufeinander zugehen und gemeinsam handeln wollen. Und: Es braucht einen langen Atem. Und es braucht Menschen wie Sie, die Entscheidungen treffen können.

Diese Situation ist nicht von jetzt auf gleich entstanden. Sie ist über Jahre gewachsen. Und sie trifft stets auch auf bestehende Ängste und Vorurteile. Sie wird auch nicht gleich wieder verschwinden. Es braucht uns alle, um Lösungen zu erarbeiten und zu gestalten.

Hierzu wird es in diesem Jahr mit der Stadtverwaltung Bergheim eine Strategiekonferenz in Ahe geben, um insbesondere die Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen in Ahe nachhaltig zu verbessern.  Hierzu wird es regelmäßige Gespräche mit der Polizei geben, aber auch mit weiteren Akteur*innen, so zum Beispiel den Hausverwaltungen im Wohnpark Ahe. Letztlich ist aber jeder für das Gelingen mitverantwortlich.

Lassen Sie uns in das Gelingen „verliebt“ sein und einen Schulterschluss von Betroffenen, Beteiligten und Expert*innen gestalten, um zu tragfähigen Lösungen für unsere gemeinsame Zukunft zu kommen. Sie ist wichtiger als unsere unterschiedliche Herkunft.

Danke für Ihr Mitwirken.

Für Rückfragen stehe ich gern zur Verfügung, ebenso für den zielorientierten fachlichen Austausch.

Mit frohen Grüßen

Dr. Winfried Kösters

Ortsbürgermeister Ahe

 

Ortsbürgermeister Dr. Winfried Kösters

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